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Forschung im Carl Gustav Carus-Institut

Naturwissenschaftliche Forschung und Therapie auf anthroposophischer Grundlage miteinander zu verbinden, die Notwendigkeit, Forschung an der Mistelpflanze zusammen mit der Herstellung eines Mistelpräparates neu zu greifen, haben 1967 zur Gründung der Gesellschaft zur Förderung der Krebstherapie e.V. geführt. Aus ihr gingen nacheinander das Carl Gustav Carus-Institut (1968), die Abnoba GmbH (1971), die Klinik Öschelbronn (1975) und 1998 die Gemeinschaftspraxis (AnthroMed Öschelbronn) gegründet worden. Mit der Institutsgründung erfolgte die Entwicklung eines neuen Mistelpräparates, das später den Namen abnobaVISCUM® erhielt. Zulassung, Vertrieb und Weiterentwicklung erfolgen seither durch die Abnoba GmbH.

Ausgangspunkt aller anthroposophischen Mistelpräparate sind Impulse Rudolf Steiners für eine Erweiterung der Pharmazie [1]. Besondere Bedeutung haben:

So wurden bei Institutsgründung 3 Arbeitsgebiete rund um die Mistel ergriffen, von denen eines die Botanik/Biologie zum Inhalt hatte. Das zweite bezog sich auf die pharmazeutisch-pharmakologische Erforschung der gewonnenen Gesamtextrakte, und das dritte Arbeitsgebiet war die Entwicklung eines sog. Strömungsverfahren zur Mischung von Sommer- und Wintersaft, um durch dieses Verfahren die Wirksamkeit der Mistelextrakte noch zu steigern. Exemplarisch für die Untersuchungen im Carl Gustav Carus-Institut zur Mistelpflanze, ihren Inhaltsstoffen und zur Krebserkrankung (siehe „Publikationen“: aktuelles Literaturverzeichnis) seien an dieser Stelle Arbeiten von Thomas Göbel zur Botanik/Biologie und Reinhard Koehler zum Strömungsverfahren genannt.

Die weißbeerige Mistel ist ein Holzgewächs und damit den Bäumen verwandt. Deshalb war Grundlage von Thomas Göbels Forschungen zum Verständnis der Mistel das Urbild der Blütenpflanze und seiner Metamorphose durch die verschiedenen Wuchsformen bis hin zu den Bäumen [3] in ihrem Habitat. Eine solche goetheanistische Arbeitsweise - das Einzelne aus dem Gesetzmäßigen des Ganzen zu betrachten und zu verstehen - wird auch heute im Institut gepflegt. Ergänzt wurde das Spektrum der Forschungsthemen durch Heinrich Brettschneider mit der anthroposophischen Menschenkunde [4] und  Rolf Dorka mit der chronobiologischen Forschung [5].

Abb 1: Entwicklung eines Mistelsprosses über 3 Jahre

Beispielhaft für diese goetheanistische Forschung sind Blattreihen aus der Familie der Hahnenfußgewächse, die interessierten Fachleuten für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt werden können. Nähere Einzelheiten dazu finden Sie hier. Zum Studium von Blattmetamorphosen sind die Hahnenfußgewächse auf Grund ihrer großen Vielfalt besonders gut geeignet. Im Vergleich dazu zeigt sich deutlich, wie reduziert Viscum album L., die Weißbeerige Mistel, in der Ausgestaltung ihrer Blätter ist. Hauptsächlich die europäischen Gattungen der Hahnenfußgewächse waren über viele Jahre ein Forschungsgebiet in der Biologischen Abteilung des Carus-Instituts.

Reinhard Koehler entwickelte anhand von experimentellen und natürlichen Strömungen (Fluss, Meer, Wetter, Mensch), inwieweit diese Strömungen dem Auf- und Abbau im Lebendigen dienen. Sein Konzept sah eine Mistelsaft-Gewinnung „nah am Lebendigen“ vor und eine Strömungsmaschine, die die Säfte offen für Veränderungen durch Strömungen hält. Zusammen mit Michael Feles und Armin Scheffler gelang es ihm, mit einem (damals) neuartigen Verfahren einen „nah am Lebendigen“ stehenden grünen, kolloidalen (liposomalen) Mistelsaft (Abb. 2) herzustellen [6 - 8].

Abb. 2: Es entsteht kein klar durchsichtiger, sondern ein opaleszierender Extrakt, der den sog. Tyndall-Effekt zeigt, sichtbar gemacht durch einen seitlich einfallenden Lichtstrahl, der einen leuchtenden Zylinder in der Flüssigkeit entstehen lässt. Dieser Effekt beruht auf Streulicht, hervorgerufen durch im Extrakt enthaltene kolloidal gelöste Vesikeln, auch Liposomen genannt, die sich spontan durch Selbstorganisation aus den bei der Extraktion freigesetzten Zell- und Organellmembranen bilden.

Das Kolloid als Sinnbild des „Lebendigen“ stand von Anfang an im Zentrum der Forschung im Carl Gustav Carus-Institut und der Entwicklung der Strömungsmaschine. Durch Strömungsprozesse sollte eine Membransynthese dieser Kolloidteilchen (Liposomen) im Sinne des o.g. Steinerschen Impulses bewirkt werden. Ihr Nachweis erfolgte 2011 durch die Arbeiten von Vrânceanu [9]. Eine zusammenfassenden Bericht über „Anthroposophische Arzneimittelentwicklungen in Öschelbronn“ finden Sie in den Akzenten 2016/17 auf den Seiten 20-27.

Auf Basis dieser Gründungsimpulse findet aktuell unter Federführung von Gero Leneweit Forschung im Carl Gustav Carus-Institut statt mit dem Ziel der Neuentwicklung eines zielgerichtet wirkenden Mistelpräparates, tumorwirksame Substanzen/Extrakte der Mistel in biologische Lipid-Membranen, den Liposomen (Abb. 3), einzuhüllen und diese an den Tumor heranzuführen [10-13].

Abb. 3: Liposomale Formulierungen sind Gegenstand unserer Forschung. Liposomen sind kugelförmige Membranbläschen, die die Mistelinhaltstoffe vor den abbauenden Wirkungen des Immunsystems schützen. Durch die Einbettung des Mistelextraktes in natürliche biologische Membranen werden Liposomen in dem Injektionspräparat erzeugt.

In dieser Entwicklung sind wir erfreulicherweise durch eine vorangehende EU-Kooperation sehr weit vorangekommen [11], indem wir ein Wasser-in-Öl-Nanoemulsions-Zentrifugationsverfahren entwickelten. Dieses Verfahren ermöglicht die Einkapselung von Mistelsubstanz. Gemeinsam mit Forschern der Universität Angers in Westfrankreich und dem aus ihr hervorgegangenen Unternehmen GlioCure SAS arbeiten wir in den nächsten Jahren an neuartigen Therapien für Hirntumoren. Gefördert wird dies von der Europäischen Union sowie durch nationale Fördergelder von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Schweden im Rahmen des Förderprogramms „Eurostars“.

Lesen Sie dazu auch das Interview zu den Themen „Aktuelle Forschungsergebnisse im Carl Gustav Carus-Institut“, das Britta Bischoff-Krappel (freie Mitarbeiterin Pforzheimer Zeitung) am 18. Mai 2019  mit Dr. Gero Leneweit (Institutsleiter) geführt hat. Zum Interview gelangen Sie hier.

 

Weiterführende Literatur

1. Steiner R. Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft. Zur Therapie und Hygiene. GA 314. 3. Vortrag vom 27.10.1922. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2011.

2. von Laue HB. Die Entwicklungen des pharmazeutischen Impulses bei Rudolf Steiner. Menschenkundliche Voraussetzungen einer anthroposophischen Pharmakokinetik. Der Merkurstab 2008;61(1):4–47. DOI: https://doi.org/10.14271/DMS-19199-DE.

3. Göbel T. Zur Raum- und Zeitgestalt der Weißbeerigen Mistel, Viscum album L. In: Scheer R, Becker H, Berg PA (Hg). Grundlagen der Misteltherapie. Aktueller Stand der Forschung und klinische Anwendung. Stuttgart: Hippokrates Verlag; 1996: 3–27. Das PDF dieser Arbeit kann hier heruntergeladen werden. The pdf of this (German) article can be downloaded here.

4. Brettschneider, H. Anthroposophische Medizin - Heilmittelerkenntnis und Menschenbild. Komplementäre und integrative Medizin (KIM), Ärztezeitschrift für Naturheilverfahren 2009; 01-02: 37-45 (Teil 1), 03: 15-18 (Teil 2), 04: 56-59 (Teil 3). Elsevier Verlag, Amsterdam.

5. Dorka R, Engelmann W., Hellrung W. Chronobiologische Untersuchungen an Viscum album L und ihre pharmazeutische Relevanz. In: Scheer R, Bauer R, Becker H, Fintelmann V, Kemper FH, Schilcher H (Hg). Fortschritte in der Misteltherapie, aktueller Stand der Forschung und klinische Anwendung. KVC-Verlag, Essen; 2005: 23-34.

6. Feles M, Koehler R, Scheffler A. Abnoba GmbH, assignee: Verfahren und Vorrichtung zur Herstellung von Presssaft aus Pflanzen. Europäisches Patent Nr. 0288603; 1991.

7. Scheffler A. Heilpflanzenerkenntnis aus Sicht der anthroposophischen Medizin am Bespiel der Mistel Viscum album L. In Scheer R., Bauer R., Becker H., Berg PA., Fintelmann V. (Hg.): Die Mistel in der Tumortherapie – Grundlagenforschung und Klinik, KVC Verlag, Essen; 2001: 519-558.

8. Scheffler A. Neue Aspekte zur Herstellung von Mistelpräparaten. Therapeutikon 1990; 4: 16 – 22.

9. Vrânceanu M, Terinte N, Nirschl H, Leneweit G. Asymmetric or symmetric bilayer formation during oblique drop impact depends on rheological properties of saturated and unsaturated lipid monolayers. Journal of Colloid and Interface Science. 2012; 354: 45-54.

10. Beztsinna, N, de Matos MBC, Walther J, et al. Quantitative analysis of receptor-mediated uptake and pro-apoptotic activity of mistletoe lectin-1 by high content imaging. Nature Scientific Reports. 2018; 8, 2768, 1-10. pdf kann hier heruntergeladen; pdf can be downloaded here.

11. De Matos MBC, Beztsinna N, Heyder C, et al. Thermosensitive liposomes for triggered release of cytotoxic proteins. European Journal of Pharmaceutics and Biopharmaceutics. 2018; 132: 211-221. Link zu diesem Artikel; link to this article: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0939641118305915

12. De Matos MBC, Miranda BS, Nuari RY, et al. Liposomes with asymmetric bilayers produced from inverse emulsions for nucleic acid delivery. Journal of Drug Targeting. 2019; 27: 681-698. Link zu diesem Artikel; link to this article:https://doi.org/10.1080/1061186X.2019.1579819 

13. Ullmann K., Meier M., Benner C., Leneweit G., Nirschl H.  Water-in-Fluorocarbon Nanoemulsions Stabilized by Phospholipids and Characterized for Pharmaceutical Applications. Adv. Mater. Interfaces. 2020; 2001376. DOI: 10.1002/admi.202001376. Die Veröffentlichung steht hier zum Download zur Verfügung.


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